Raum halten - gemeinsam schwingen

Susanne Brünjes • 15. Februar 2024

Ich möchte gerne eine kleine Geschichte mit Dir teilen:

Es war einmal eine alte Frau. Jeden Tag schöpfte sie zwei Krüge voll Wasser am Fluss und trug sie nach Hause. Die beiden Tonkrüge befestigte sie an den Enden einer Stange, welche sie auf den Schultern trug. Einer der Krüge hatte einen Sprung, während der andere makellos war und stets eine volle Portion Wasser fasste. Der Krug mit dem Sprung jedoch war am Ende der langen Wanderung vom Fluss zum Haus der alten Frau immer nur noch halb voll.
So ging es jeden Tag. Die alte Frau brachte immer nur anderthalb Krüge Wasser mit nach Hause. Der makellose Krug war natürlich sehr stolz auf seine Leistung, auf die perfekte Erfüllung seines Daseins und er brüstete sich damit; der arme Krug mit dem Sprung aber schämte sich wegen seiner Unvollkommenheit und war unglücklich und traurig.
Eines Tages nahm sich der alte Krug endlich ein Herz und er sprach zu der Frau: „Ich schäme mich so wegen meines Sprungs. Es ist meine Schuld, dass du nie das ganze Wasser nach Hause bringen kannst . Ich bin zu nichts nutze.“
Die alte Frau aber lächelte. „Ist dir aufgefallen“, erwiderte sie liebevoll, „dass auf deiner Seite des Weges Blumen blühen, aber auf der Seite des anderen Kruges nicht? Das ist deinem Sprung zu verdanken. Ich habe auf deiner Seite des Pfades Blumensamen gesät, und nun gießt du sie jeden Tag, wenn wir nach Hause laufen“.


Diese Geschichte zeigt für mich ganz eindringlich, wie wertvoll es ist, wenn es Jemanden in unserem Umfeld gibt, der den „Raum für uns hält“. Während der Tonkrug sich selbst als wertlos gesehen hat, hat die alte Frau das Potential in ihm erkannt. Sie hat nichts getan, den Sprung im Krug nicht kommentiert oder repariert, sondern einfach nur durch ihr Sein und ihr Handeln dazu beigetragen, dass der Krug erfahren konnte, was er wundervolles bewirken kann. Hätte sie im Vorfeld auf den Krug eingeredet, versucht, ihn zu trösten oder von seinem Wert zu überzeugen, so hätte es vermutlich wenig Wirkung gezeigt. So aber konnte der Krug dieses kleine Wunder, das er vollbracht hatte, in seiner vermeintlichen Unperfektheit, mit eigenen Augen sehen und verstehen. Weil der Raum für Entfaltung und Erkennen für ihn von dieser alter Frau gehalten wurde. Letztendlich haben sie dadurch sogar in Einklang miteinander gehandelt und kreiert.

Sicherlich kennst Du auch die Geschichte von „Momo“ von Michael Ende. Sie ist ein weiteres wundervolles Beispiel, wie Wachstum, Entwicklung und Selbsterkenntnis entstehen können, wenn Jemand den Raum für uns hält:

Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: Zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, Zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich Zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte; nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie im ihm stecken.

Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst sei nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte. Dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören.


Zuhören, Dasein, vollkommen präsent, ohne Wertung und ohne schon nach einer Antwort im Kopf zu suchen. Es bedeutet Vertrauen und Zutrauen und lässt uns miteinander auf einer Frequenz schwingen, gibt uns das Gefühl, gesehen und wertgeschätzt zu werden. Was für ein Geschenk. Wo hast Du das schon einmal erlebt?

Von Herzen, Susanne Brünjes

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